Eins vielleicht vorweg, was in der deutschen Sprache immer a bisserl schwierig ist: Die Wörter „Komplex“ und „Kompliziert“ klingen ähnlich, spielen inhaltlich auch oft im selben Stadion – es sind aber nicht zwei Wörter für denselben Umstand (Auch nicht für den gleichen…).

Kompliziert: schwierig; verwickelt; [aus vielen Einzelheiten bestehend und daher] schwer zu durchschauen und zu handhaben

Komplex: vielschichtig; viele verschiedene Dinge umfassend; nicht allein für sich auftretend, ineinandergreifend, nicht auflösbar

Wer jetzt sagt „Na und – ist doch das gleiche, der liest hier weiter 😉

Der Tausendfüßler des Todes – sieht goldig aus, hat uns aber dahin geführt, wo wir heute sind: Unser Auto gehört nie uns – es gehört für immer dem Händler

Heute hört man oft, dass Autos immer komplexer geworden sind. Aber ist das wirklich neu? Einer der Gründe, warum wir uns schon vor 30 Jahren gern für Youngtimer entschieden haben, war, dass die technisch konsequent unterkomplex waren. Ich erinnere mich noch an einen Samstagnachmittag, an dem mir ein Kumpel die Bremse seines Sciroccos zeigte und erklärte: Die ist jetzt

selbstnachstellend. Das ist mir entschieden zu komplex – damit muss ich in die Werkstatt. (Niemand ging freiwillig in eine Werkstatt, wenn er das Problem in 5 Nachtschichten unter wilden Flüchen selbst lösen konnte…)

wenn etwas leuchtet, fahren sie in die Werkstatt. Punkt.

Heute erscheint einem eine solche Technologie nicht so schwierig. Viele Leute wollten damals nicht den Mercedes W210 … wegen seiner gewachsenen technischen Komplexität. Besitzer des W211 haben über die schon gelacht, Besitzer des W213 verstehen den Ansatz gar nicht – Wenn irgendetwas leuchtet, fahren sie in die Werkstatt. Punkt. Das könnte Komplexität sein…

Autos haben längst die Herrschaft übernommen. Schon das Wechseln von Winter- zu Sommerbereifung erfordert heute einen Blick ins Handbuch, um herauszubekommen, wie man den Luftdruck-Warnsensor davon überzeugen kann, dass die Welt nicht untergeht, wenn man auf den neuen Reifen rasch zur Tankstelle fährt, um den Druck zu überprüfen.

Tatsächlich hat sich Komplexität der Fahrzeuge lange Zeit gar nicht so sehr verändert. Wer Autos der späten 70er Jahre verstanden hatte, der konnte im Grunde auch Fahrzeuge der 80er und 90er beherrschen. Erst recht, seit es Video-Plattformen und Foren wie Motor-Talk und ähnliche gibt, in denen man binnen Sekunden Rat von jemandem einholen kann, der eine Reparatur schon einmal durchgeführt hat.

Ja ja … vieles hier wirkt wie Hightech. Schraubt man erst einmal ein paar Verkleidungen ab, stellt man fest: Ist eigentlich noch nicht so. Hier wirken Computerteile, klar – aber die sind noch nicht so komplex miteinander verzahnt, dass man ohne sie am Ende wäre

Ein BMW E46 hat viel mehr Warnleuchten, einen digitalen Tacho und gaukelt technischen Fortschritt mit lustigen Anzeigen vor, die einmal im Autoleben passieren – die technische Komplexität ist nicht viel höher als die eines BMW E30 – und da wusste auch jeder, wie man die Inspektionskontrolleuchten mit einer Büroklammer und … Lassen wir das…

Die wahre technische Komplexität kehrte mit den Computern ein. Ich sehe noch die Tränen in den Augen eines guten Freundes, der die zentrale Steuereinheit seines Jaguar X-Type für satte 4.000€ ersetzen musste. Bei einem Wagen, der kurz zuvor 16.999€ gekostet hatte. Es gab keine andere Lösung, um Radio, Klimaanlage, Navigation, CD-Player, Lüftung und andere essentielle Selbstverständlichkeiten wieder ans Laufen zu bringen. Drei Mechaniker hatten sich daran versucht. Aber keiner von denen konnte mal eben gegen ein paar Zeilen Code treten, konnte eine Platine so geradebiegen, dass man mit ihr noch 10.000 Kilometer fahren konnte.

Mit großen Metallteilen kannst du es aufnehmen, sogar selbstnachstellende Bremsen versteht man, wenn man 10 Minuten drauf starrt und „Jetzt helfe ich mir selbst“ mal wirklich liest und nicht nur die Bildchen anschaut. Mit Chips diskutierst du nicht. Die sind hochnäsig und arrogant und verlangen nicht nach Liebe, Schraubendreher und Gummihammer. Die verlangen nach Ersatz.

Ja … des kloi Bildschirmle neben dem Lenkrädle … da stecken 4.000 bis 5.000 Euro drin. Dann lieber gleich einen X-Type zum Ausschlachten kaufen – mittlerweile ist das billiger. Nachhaltig ist auch das nicht…

Und auch dann sind sie zickig. Schon mal an einem modernen Auto ein einzelnes Modul getauscht? Oder auch nur die Batterie abgeklemmt und anschließend wieder angeschlossen? Früher ein sinnvoller Akt von 10 Minuten. Heute schickt dir der Wagen im Zweifel eine Droh-Mail oder verpetzt dich für deine Frevel-Tat bei der nächstgelegenen Werkstatt. Kurze Zeit erlischt deine Garantie auf elektronische Bauteile oder so (Also im Grunde auf das gesamte Fahrzeug).

Fakt ist: Auch die ganzen Elektrobastler, Hobby-Platinen-Ätzer und Flatearther der automobilen Szene müssen hier die Waffen strecken. Mal eben die Elektronik reparieren lassen, ist nicht mehr. Faktisch haben uns die Autohersteller die Reparatur entzogen, indem sie begonnen haben, Eproms zu verbauen. Als die Computerteile miteinander verzahnt wurden und in die lebensnotwendigen Funktionen des Autos eingebaut wurden, war es dann wirklich vorbei.

In letzter Zeit mal jemand eine Frontscheibe bei einem neuen Wagen getauscht? Zweieinhalb Stunden Aus- und Einbau der Scheibe. Anschließend (Kein Witz!) 3-5 Stunden ausrichten der Assistenz-Systeme.

Insofern: Mehr Nachhaltigkeit als „Behalten“ geht nicht. Mit jedem Auto der Pre-Eprom-Generation stirbt ein Stück echter Nachhaltigkeit. Ein Stück reparieren, Teile tauschen, Dinge geradebiegen und nicht wegwerfen. Nie waren sie so wertvoll wie heute…

 
Ein Gedanke zu „Was ist beim Auto eigentlich technische Komplexität? Oder: Warum dein Auto dir nicht gehört“

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